Veröffentlicht in Evolution, sinnieren

Das Schlechtere ist das Bessere

oder auch: Das Schlechtere ist des Besseren Feind.

Warum sind wir so sehr interessiert an schlechten Nachrichten und nicht so sehr an Guten?

Evolutionär war der Pessimist im Vorteil: Lieber 100 mal Alarm wegen eines Schattens, Musters, Geräusches und nix dahinter, als 1 mal nicht reagiert und dann war’s doch der Höhlenlöwe im Gebüsch. Game Over.

Hab die Tage den Spruch gelesen: „Lieber ein Optimist, der sich mal irrt, als ein Pessimist, der immer recht hat. „

Die Amygdala ist so optimiert, dass sie bei der geringsten Wahrscheinlichkeit auf Lebensgefahr das volle Kriegsprogramm fährt. Sonst wären wir nicht hier. Und damals, vor über 5000 Jahren und Jahrmillionen zurück, war das gut und richtig.

Ebenso waren die Steinzeitler stärker interessiert, negative Nachrichten, also Geschichten über lebensbedrohliche Situationen zu hören, als Kuschelstories. Wenn ich mal davon ausgehe, dass sie schon damals nicht genügend Zeit hatten, alle Geschichten eines wandernden Fremden zu hören, mussten sie sich auf die Krawallgeschichten konzentrieren. Um keinen Hinweis zu verlieren, der für das Überleben relevant sein könnte. Dagegen wären Informationen zum besseren oder schöneren Leben hübsch gewesen, aber nicht unbedingt nötig. Also entsprechend 80/20 Pareto im Zweifel fürs nackte Überleben, und darum ging es bis vor sehr kurzem immer. Vielleicht waren noch Liebesgeschichten interessant, wer mit wem, wieviele welche Kinder. Das war Bestätigung des Überlebens.

Das entspricht unserer durchschnittlichen Wissensbegierde : Zuerst Katastrophen und Verderben, dann Beziehungstrouble oder Königshochzeit mit Prinzchen hinterher, dann Fußball (hatte ich vorher noch nicht erwähnt, gabs damals nicht, haben erst die Römer erfunden, allerdings blutiger, finaler). Dann Wetter (hätten die damals gerne gewusst). Aber, dass in Wuppertal heute keiner ermordet wurde oder in Köln kein tödlicher Verkehrsunfall war oder in München ein Mensch einem Behinderten über die Straße geholfen hat, wird nicht berichtet in der Tagesschau, das passt in 15 Minuten bei unseren Prioritäten nicht rein. Will vielleicht auch gar keiner wissen. Schaut lieber dann den Tatort mit 1-3 Toten und Misshandelten. Und lernt daraus, welche „sozialen Herausforderungen“ in unserer Gesellschaft existieren. Wer den Toten erzeugt hat, wird üblicherweise kurz vor Schluss erklärt. (Dabei wars der Scripter / Drehbuchautor, was aber immer verschwiegen wird). Die sozialen Missstände bleiben, ist auch wichtig, die brauchen wir noch, als Rahmen fürs nächste Gemetzel. Aber Scobel ist auch echt fad dagegen, braucht zuviel Großhirn, kostet viel zu viel Energie und ist schwer verständlich. Beim Mörder ist das einfacher, hinterher: Ja klar, hab ich doch gleich geahnt.

Was wollte ich sagen? Ach ja: Die Lust am Krawall ist / war unser Überlebensprogramm. Leider versaut es mittlerweile hauptsächlich die Stimmung. Lässt uns die Welt dramatisch negativer wahrnehmen, als sie ist, von fern bis nah. Nimmt uns die Energie für den Einsatz für eine bessere Welt: Hilft sowieso nix, ist zu viel, zu groß, zu überall. Da kann ich leider auch nix machen.

Nimmt uns den Blick für das kleine Glück, die unspektakuläre Schönheit, die vielen freundlichen, hilfsbereiten Menschen um uns.

Und hat uns die übermäßig sensible Amygdala beschert. In unserer Welt sind diese Gefahren so nicht mehr, jedenfalls in Bayern nicht. Wir regen uns viel zu viel auf. Gerne auch beim Autofahren, beim Fußball, über die blöden Politiker, den unfähigen Schiedsrichter, die bösen Unternehmer, das bedrohliche Internet, das verkorkste Europa. Hauptsache Krawall, Hauptsache Verschwörung, Hauptsache üble Zustände. Nur wir würden es besser machen, aber uns frägt ja keiner.

Blöderweise tut uns das jetzt nicht gut. Verhindert Zufriedenheit und das Gefühl der Sicherheit, gar Geborgenheit. Im Kleinen wie im Großen. Wir schätzen nicht die längste Friedensperiode in Europa ever, die geringsten Opferzahlen in Kriegen weltweit, die geringste Zahl Verkehrstoter in Deutschland, die geringste Kindersterblichkeit, die beste Gesundheitsversorgung, die beste Stellung von Frauen. Ja, da ist überall noch Luft nach oben, aber wir sehen nicht den relativ paradiesischen Zustand, relativ zu 5000 Jahren komplexerer Gesellschaftsstrukturen seit Landwirtschaft, relativ zu 100000 Jahren oder auch 1 Million Jahre Mensch. Und erst recht zu vorher. Da hat’s ziemlich viele Kinder gebraucht pro Paar, um uns jetzt auf hohem Niveau jammern zu lassen und Krimis und Fußball zu schauen. Zum Zeitvertreib. Als ob wir heute zuviel davon hätten. Vermutlich haben wir tatsächlich weniger Zeit für entspanntes Leben, als viele unserer Ur … Ur Großeltern.

Eine andere Frage wäre, ob da auch eine gewisse Opfer Lust reinspielt. Muss ich ein anderes Mal mit Halbwissen ran.

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